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10.12.2017

Adentsfeier in der Lukaskirche Hannover um 14:30

weitere Informationen

Adventsfeiern in den hinterpommerschen Gemeinden:

 Stolp: 03.12.2017 (1. Advent)

 Köslin: 06.12.2017

 Stettin:

15.10.2017:

Eröffnung der Reformationsausstellung in Stettin (Schloss)

 

Versöhnung ist ein langer Prozess

Eine internationale Konferenz in Warschau, die der EKD-Denkschrift gewidmet war

 

Wir wollen nicht, dass dies eine Veranstaltung zum Andenken bleibt, nein, wir wollen einen langen Prozess der Versöhnung analysieren, welchen Platz er in Europa hatte und hat. Wir wollen, dass verschiedene Generationen zu Gehör kommen ... Die Versöhnungsarbeit war und ist bis heute die wichtigste Arbeit der Kirchen“, sagte Bischof Prof. Dr. Marcin Hinz aus Zoppot zu Beginn der internationalen Konferenz zum Thema “Auf dem Weg der Versöhnung“, die im lutherischen Zentrum in Warschau am 12. März 2015 stattfand. Diese Konferenz war der EKD Denkschrift vor 50 Jahren gewidmet und stand unter dem Thema „Die Geschichte der Versöhnung“.Die historische Denkschrift trug damals die Überschrift „Die Lage der Vertriebenen und die Haltung des Deutschen Volkes zu östlichen Nachbarn“.

 

Das evangelische Memorandum war mutig und seiner Zeit weit voraus. Schon seine Sprache war fortschrittlich, indem es Gedanken und politische Formulierungen benutzt, die ganz neu waren. Kein Gedanke der Rache, sondern die Notwendigkeit einer friedlichen Annäherung und Vorbereitung des Weges der Versöhnung mit den Nachbarn im Osten. In Deutschland hieß das Dokument „OSTDENKSCHRIFT“, in Polen, „OST-MEMORANDUM“: Man muss bedenken, dass die Ostdenkschrift erst 20 Jahre nach Kriegsende, 16 Jahre nach Entstehung der Bundesrepublik Deutschlands und 4 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, verfasst wurde.

 

Die Umstände der Verfassung der Denkschrift waren sehr schwierig und das sowohl politisch als auch kirchlich: Die evangelischen Christen in Deutschland und Polen hatten keinen Kontakt und die Verbindung zwischen der BRD und DRR war unterbrochen, die EKD gespalten durch den eisernen Vorhang. Die Oder-Neiße-Grenze war durch die Regierung in Bonn nicht anerkannt, aber die Christdemokraten (CDU) waren schon auf dem Weg zu einer Koalition mit der SPD und diese hatte ihren Einfluss auf den zaghaften Versuch der neugeborenen Idee und der Notwendigkeit der Regelung der internationalen Beziehungen mit den östlichen Nachbarn.

 

Die evangelische Kirche in Deutschland war nach dem Krieg geschwächt und getrennt. Sie war eine schwache Kirche mit dem Gefühl der Schuld und der Mitverantwortung für das unmenschliche Unrecht, das von den Deutschen ausgegangen war. Die Denkschrift beruft sich nicht auf ein politisches Mandat, sondern auf die Friedensbotschaft Jesu Christi sowie die christliche Verantwortung für den Frieden in der Welt. Somit gab die Denkschrift die Möglichkeit, in christlicher Freiheit den eigenen Standpunkt zu definieren und den eigenen Weg, in der Verantwortung vor Gott, zu gehen.

 

Heute, 50 Jahre später, sehen wir, wie sich Höhen und Tiefen geebnet haben und welchen Einfluss diese Denkschrift auf die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen hatte. Auf dieser Grundlage konnten sich neue Wege öffnen bis hin zu gut nachbarschaftlichen Beziehungen der Deutschen zu Polen und Polen zu Deutschen im vereinten Europa.

 

Hier zwei Beispiele der interessanten Referate von Wissenschaftlern aus Deutschland und Polen:

 

 

Prof. Claudia Leppe von der Universität in München unterstrich in ihrem Vortrag, dass die Denkschrift der EKD ein Zeichen der Öffnung der Deutschen für die politische Diskussionen war, die später folgten. Sie erinnerte an die Worte der Väter der Denkschrift: „Die Politiker und die Politik sind nicht in der Lage, sich mit der Problematik der östlichen Grenze zu beschäftigen, wenn die Kirche und die Theologie vorher nicht die moralische Grundlage geschaffen hat.“ Prof. Jaroslaw Klaczkow von der Universität Thorn analysierte die Bedeutung der Denkschrift für das spätere politische Klima in Deutschland, Polen und Europa. Im Lichte der Medien und besonders der Presse gab es sehr kontroverse Meinungen von totaler Ablehnung bis behutsamer Bejahung.

 

Während die Weltpresse von der Denkschrift als einem positiven Zeichen einer neuen und notwendigen Friedenspolitik sprach, war die rechte Presse ablehnend und kritisch eingestellt, sie sprach nicht vom Rat der EKD, sondern von einer Gruppe linkspolitisierender Pastoren, die vom Kommunismus unterwandert sei. Die Heimatvertriebenen meinten, dass die evangelische Kirche nicht ihre Mitglieder vertrat und ihre kirchliche Macht missbrauche. Wegen der Entscheidung der EKD traten viele Evangelische aus der Kirche aus.Nur die politisch-links-orientierte Presse sah die Denkschrift als ein mutiges Zeichen auf dem Weg der Versöhnung mit den östlichen Nachbarn und besonders mit Polen. Die polnische Presse hat die Denkschrift sehr positiv aufgenommen und lobte die evangelische Kirche als eine versöhnende Kraft mit einer moralischen Grundlage. Der Redner bezeichnete die Denkschrift als ein Gewitter, das die politische Luft reinigte.

 

 

Prof. Jerzy Buzek (ehemaliger polnischer Ministerpräsident und EU Präsident) sagte unter anderem, dass Versöhnung ein langer Prozess sei, ein Prozess, der sich auf die verlorene Freiheit und Einheit beruft, der die Menschen auf den Weg des Friedens ruft, aber es ist ein langer und nicht selten schwerer Weg. Ein Weg, der nicht mit Rosen, sondern mit Dornen bedeckt ist. Bereitschaft zur Versöhnung und zur Vergebung ist die höchste und schwerste Prüfung für den einzelnen Menschen und noch mehr für die Völker. Versöhnung ist ein schmerzhafter Prozess, der Demut und Mut, Ehrlichkeit und Bereitschaft zur Anerkennung der Schmerzen des Volkes und dessen Menschen verlangt. Jerzy Buzek sagte, dass er eine geistige und politische Erneuerung in seiner polnischen Heimat erlebt habe und dass es unter dem Schirm der Kirche geschehen sei. Polen und Deutsche werden für die Zukunft Europas verantwortlich! Für Buzek hat die Deutsche Denkschrift der EKD vor 50 Jahren die christliche Basis für den Frieden in Mitteleuropa gelegt, und das sollte in großer Dankbarkeit gefeiert werden, nicht nur am 1. Oktober.

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Dieser Text stammt aus der Evangelischen Zeitschrift „Zwiastun“ 7/2015 und beruht auf der Übersetzung von Pastor Fryderyk Tegler, der Teile wörtlich übersetzte, im zweiten Teil mehr zusammenfasste. Er hatte an der christlichen Hochschule in Warschau Theologie studiert, war mehrere Jahre Pastor in Masuren gewesen, ehe er in den späten achtziger Jahren in die Bundesrepublik gekommen ist. Wir danken ihm für seine Hilfe.

 

Zur Erläuterung sei noch hinzugefügt: Am 23./24 März 2015 hatte der Spitzenverband der Hilfskomitees – der Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen - in der EKD getagt und ebenfalls über die Denkschrift diskutiert. Der Leitende Bischof Jerzy Samiec und Pastor Piotr Gas, früher Stettin, waren aus Warschau gekommen und machten uns auf die polnische Konferenz aufmerksam.

 

Die Vertreter der Hilfskomitees bedauerten, dass die EKD sich vor 50 Jahren nicht die Mühe gemacht hatte, die Vertriebenen vor der Verabschiedung in die Diskussion einzubeziehen, obwohl es damals sogar noch den Ostkirchenauschuss (OKA) der EKD gegeben hatte. Das wurde bereits 1965 als Mangel an seelsorgerlicher Fürsorge an den traumatisierten Heimatvertriebenen empfunden – der EKD lag mehr an einem Akt der „politischen Diakonie“. Auch Max Schmeling, der berühmte Schwergewichtsboxer und Besitzer des Waldgutes Ponickel im Kreis Rummelsburg, war damals aus der Kirche ausgetreten. Die Vertreter der Hilfskomitees hoffen noch auf ein anerkennendes und tröstliches Nachwort in diesem Jubiläumsjahr.

 

Rita Scheller